104 Jahre - nur für dich!!!

Letzte Woche habe ich angekündigt, dass ich nun auch andere Menschen interviewen möchte. Von Menschen, die mich inspirieren und die mir in meinem Leben sehr weitergeholfen haben. 

 

Starten werde ich mit einer Person, die mich seit meiner Geburt kennt/kannte. Leider kann ich ihr die Fragen nicht mehr live stellen, denn sie lebt nicht mehr. Dennoch prägt sie mein Leben bis heute und aus diesem Grund möchte ich dir zeigen, warum sie so besonders ist. Mir fällt es nicht ganz leicht über sie zu schreiben. Ich bin unendlich stolz auf sie - aber jede kleine Erinnerung weckt auch den Schmerz, dass sie nicht mehr da ist.

 

Meine Ur-Oma (liebevoll Uri genannt). Vor 10 Jahren ist sie leider verstorben. Viel zu jung. Mit 92 Jahren, dabei war es immer ihr Wunsch 104 Jahre alt zu werden. Sie hat es nicht ganz geschafft, somit ist es jetzt mein Ziel. :) (Ich habe schließlich noch viel vor.) 

 

Vielleicht denkst du jetzt, es sagt doch jeder, dass ein Familienmitglied sein persönliches Vorbild ist. Vielleicht liegt es auch nah, weil man mit diesen Personen wahnsinnig viel Zeit verbringt. Aber das ist es bei mir nicht. Das ist nicht der Grund, warum ich noch heute wahnsinnigen Respekt vor dem Leben meiner Uri hatte. 

 

1914 geboren. Sie hat zwei Weltkriege überlebt, ihren Mann im 2. Weltkrieg verloren (Sie hat nie weiter einen weiteren Mann in ihr Leben gelassen), eine Tochter an Scharlach verloren, mehrere Schlaganfälle und Herzinfarkte überlebt, Brustkrebs überstanden (inkl. Brustamputation) und dennoch oder gerade dadurch zwei Töchter (meine großartige Oma), vier Enkel und einige Großenkel liebevoll großgezogen.  Lass dir das mal auf der Zunge zergehen. Den ein oder anderen würde eine Sache davon völlig aus der Bahn werfen. Nicht sie. Sie war da. Egal wer sie brauchte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie jemals  jammerte. Sie beschwerte sich nie über die Dinge, die sie nicht hatte. Sie lernte mit mir Mathe - quetschte sich dafür sogar unter mein Hochbett, sie passte auf uns auf, spielte Spiele mit uns und vieles, vieles mehr. 

 

Als sie älter wurde, habe ich einmal die Woche bei ihr geputzt. Der „Putztag“ bestand eigentlich immer daraus, dass wir gemeinsam gegessen haben. (Zu 99% „Spagetti Bolognese“ - ich sollte es besser „Bolognese Miracoli“ nennen.) Jedes mal waren wir eingewickelt in Zewa-Rollen, jedes mal haben wir uns darüber kaputt gelacht , wie wir danach aussahen… Jedes mal kam danach der Satz „Bevor du anfängst, gucken wir noch eine Folge „Streife im Revier“… :-) Keine Sorge, ich habe auch geputzt. Am liebsten hatte sie es, wenn ich mich um ihr Schlafzimmer gekümmert habe. Das Bett neu bezogen habe und den Boden mit Gallseife geschrubbt habe. „Svenja, schließ das Fenster und wenn du fertig bist, mach schnell die Türe zu. Damit es heute Abend noch genauso frisch riecht, wenn ich ins Bett gehe.“ Noch heute putze ich genauso so mein Schlafzimmer. Noch heute liebe ich dieses Gefühl. Noch heute lächle ich, wenn ich meine Türe schnell zumache. 

 

Sie hat mir beigebracht beim Mau-Mau spielen zu „fuscheln“, sie hat mir beigebracht mein Lieblingsgericht zu kochen (Milchkartoffeln - unglaublich leckeres Kriegsgericht), sie hat mir gezeigt, dass gelbe Rosen die schönsten sind  aber am meisten hat sie mir gezeigt, dass das Leben nicht immer einfach ist und das die Kunst zu leben, darin besteht zu lernen im Regen zu tanzen. Ganz häufig denke ich an meine Uri und sehr häufig frage ich mich, ob das was gerade mein Leben etwas schwieriger macht, wirklich so schlimm ist, oder ob es einfach nur eine Hürde ist, die mich für mein Leben stärker machen wird. 

 

Für viele war sie einzigartig. Wohl ganz besonders für meine großartige Oma, die bis zum letzten Atemzug an ihrer Seite war. Die sich um sie gekümmert hat, die sie bis zu ihrem letzten Tag bei sich hat wohnen lassen und in ihrem Krankenbett gepflegt hat. Sie hat so vieles für ihre Mutter aufgegeben. Das ist für mich Liebe. Das ist für mich Familie. Darüber reden können viele - es wirklich machen, nur die wenigsten. 

 

Als sie dann am 12.06.2006 von uns ging - habe ich es nicht übers Herz gebracht, mich von ihr zu verabschieden. Zu groß war meine Angst. Die Angst, dass schöne Erinnerungen verblassen und ich sie ewig „schlafend“ vor mir liegen sehe. Bis heute bereue ich nichts mehr als das. Bis heute trage ich mit Stolz ihren Ehering und denke täglich an sie. 

 

 

Ich danke dir für so viel, meine geliebte Uri. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Elina (Montag, 03 Oktober 2016 00:41)

    ❤️❤️❤️❤️❤️

  • #2

    Nadine (Montag, 03 Oktober 2016 00:58)

    Du scheinst sehr viel von deiner Uri zu haben!
    Du bist für mich einer der stärksten, positivsten und ehrlichsten Menschen die ich kenne!
    Also schicke ich einen ganz lieben Gruß nach oben zu deiner Uri✩✩✩
    Sie kann verdammt stolz auf dich sein!
    Genau so wie ich :*

  • #3

    Judith (Montag, 03 Oktober 2016 08:20)

    Wow, das hast du wundervoll geschrieben. Sehr ehrlich und du hast mich glatt zum weinen gebracht.
    <3

  • #4

    Katrin (Mittwoch, 05 Oktober 2016 11:58)

    ❤️ Wunderbar